[{"id":"die-mitte-umkreisen","title":"Die Mitte umkreisen","timestamp":"20210524115427","content":"In seinem <a href=\"http://charltonteaching.blogspot.com/2021/05/the-total-christian-society-gone.html\">Blogpost vom 24.5.2021</a> beschreibt der Arzt Bruce Charlton einen Wandel seiner Anschauungen über die ideale Gesellschaft. Anfänglich sehnte er sich nach etwas, was er <i>die totale christliche Gesellschaft</i> nennt: eine vollständige Ausrichtung der Gesellschaft in all ihren Einzelheiten auf Gott. Daß also Gott, der Urgrund allen Seins und Schöpfer aller Dinge, nicht aus dem gesellschaftlichen Leben in die Privatheit des stillen Kämmerleins verbannt wird, daß es nicht mehr als irgendwie unfein angesehen wird, den Namen unseres Erlösers Jesus Christus in einem öffentlichen Diskurs auszusprechen, daß nicht Kruzifixe aus Klassenzimmern und Weihnachtskrippen aus Amtsstuben verbannt werden, sondern daß Christus als König zur Mitte und zum Herzen der Gesellschaft wird, auf den hin sie all ihre Aktivitäten ausrichtet. Denn auf irgendetwas ist <i>jede</i> Gesellschaft ausgerichtet: der Anspruch, man könne auf Dauer von einem Nichts her und in einem bloßen Nebeneinander aller eine beständige Ordnung erhalten und betreiben, ist illusionär. Er führt schnell in den Zerfall &ndash; man zehrt nur noch von den Resten der Ordnung, die frühere, zielbewußtere Generationen hinterlassen haben. \n\nCharlton führt einige Beispiele von Gesellschaften an, die er als <i>total christlich</i> in diesem Sinne betrachtet: das byzantinische Reich, das immerhin von 324 bis 1453 bestand, bevor es von den Mohammedanern zerstört wurde, und das Heilige Rußland oder Dritte Rom, wie man es in ostchristlicher Optik nennt: das von Iwan IV. gegründete Zarenreich, das bis 1917 bestand. Als drittes Beispiel führt er das christliche Mittelalter an, in dem aber der Versuch, weltliche und geistliche Macht zu trennen, das ursprüngliche Ideal der \"totalen christlichen Gesellschaft\" bereits trübte. Er scheut sich nicht, sogar das calvinistische Genf und das mormonische Utah unter Brigham Young in dieser Reihe anzuführen.\n\nDie Grundfrage, die ihn umtrieb, war: ist eine Gesellschaft im Geiste dieser Reiche heute noch möglich? Eine Gesellschaft, in der nicht das Nichts herrscht, nicht das Nebeneinander aller möglichen scheinbar gleichberechtigten Weltanschauungen zum absoluten Ideal erklärt wird, sondern in der Jesus Christus als Mitte und Zentrum, als guter Hirte und König anerkannt wird, auf den hin alles ausgerichtet ist? Und seine Antwort lautete lange: Ja, <i>mutatis mutandis</i>!\n\nDann aber fuhren ihm einige Denker in die Parade und brachten ihn zu einer Änderung seiner Anschauungen. Zuerst brachte der orthodoxe Amerikaner <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Seraphim_Rose\">Seraphim Rose</a> (1934-1982) ihm den Gedanken nahe, daß es sinnlos sei, nach dem Ende des Zarenreiches noch einmal nach einer christlich erneuerten Gesellschaft zu streben: es sei nicht nur das Zarenreich als besondere christliche Gesellschaftsform untergangen, sondern zugleich mit diesem sei auch jede Chance darauf verlorengegangen, in dieser Welt noch einmal ein christliches Reich zu errichten. Die Gesellschaft befinde sich seitdem weltweit in einem unabwendbaren Verfall, an dessen Ende nur noch die übernatürliche Wendung im Jüngsten Gericht stehen könne. \n\nDurch <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Owen_Barfield\">Owen Barfield</a> (1898-1997) lernte Charlton die anthroposophische Lehre von den Kulturepochen kennen. Der Grundgedanke ist der <i>Progressismus</i>: daß die Menschheit - wie der Einzelmensch - durch verschiedene Bewußtseinsstufen hindurchschreite und sich dabei immer weiter ins Geistige hinaufentwickle. Solche Bewußtseinsstufen seien objektiv durch die okkulten Schauungen von Dr. Steiner präzise erkannt, beschrieben und festgelegt worden: demnach waren all die erwähnten christlichen Reiche nur im sogenannten <i>Gefühls- und Verstandesselenzeitalter</i> zeitgemäß. In dieser Kulturepoche hätten die Menschen noch einen eher kindlichen, gemüthaften Zugang zu den Dingen gehabt, ihr Erkenntnisvermögen sei noch nicht bewußt genug gewesen, dafür aber noch offener für das Übersinnliche. Die Menschheit sei mittlerweile aber als Ganzes, als Kollektiv, auf einer neuen Stufe, dem sogenannten <i>Bewußtseinsseelenzeitalter</i>, dem fünften Zeitalter nach dem Untergang von Atlantis. Dieses neue Zeitalter habe nach seinen okkulten Forschungen im Jahre 1413 begonnen. Seitdem werde menschheitlich ein neues Seelenglied ausgebildet, die Bewußtseinsseele. Der Versuch, Dinge wiederzubeleben, die vor dem Jahre 1413 prägend waren, sei nichts anderes als Atavismus - ein Rückfall in bereits abgelegte menschheitliche Seinsformen, der nur katastrophale Folgen haben könne.  \n\nEs ist erstaunlich, daß ein Mann wie Bruce Charlton, ein <a href=\"http://thoughtprison-pc.blogspot.com/\">vehementer Kritiker der Political Correctness</a>, des heutigen Mainstreams in all seinen linken und liberalen Spielarten, mit keinem Wort bemerkt, daß es sich hier nur um eine spirituelle Variante des politischen Progressismus handelt. Die Vorstellung, daß das Menschheitskollektiv in einer ständigen Weiterentwicklung begriffen sei &ndash; zur ewigen Suche verdammt, ohne je zu finden &ndash; zerstört alles Absolute, alles Bleibende und Feste, jeden fundamentalen und unverrückbaren Bezugspunkt unseres Daseins. Genau daher ist sie den Menschen unserer gott-fernen Generation so sympathisch. Wer so denkt, kann sich in dieser Welt einkapseln und wie <a href=\"https://de.wikisource.org/wiki/Prometheus_(Gedicht,_sp%C3%A4te_Fassung)\">Prometheus</a> die Faust zum Himmel erheben: \n\n<blockquote>Mußt mir meine Erde<br> \ndoch lassen stehn<br>\nund meine Hütte,die Du nicht gebaut, <br>\nund meinen Herd,<br> \num dessen Glut <br>\nDu mich beneidest.</blockquote> \n\nDamit der einzelne sich aber nicht verloren vorkommt in dieser Menschheitsentwicklung, sondern von der ganzen Reise profitiert (wohin auch immer sie genau gehen mag), wird der spirituelle Progressismus in den meisten seiner Varianten mit der Reinkarnationshypothese verknüpft: demnach kommt irgendetwas Blutleeres, Abstraktes in uns, unser \"eigentliches Ich\" (und nicht etwa das, was ich unmittelbar in meiner leiblich-seelischen Ganzheit als meine Identität wahrnehme), in jeder Kulturepoche wieder, damit es das für sich mitnehmen kann, was in der menschheitlichen Klassenstunde gerade dran ist. Der Mensch bleibt nach dieser Ansicht mit seinem Ewigen an die Zeit geschmiedet, erlangt nie die endgültige Ruhe und den Frieden &ndash; obwohl doch alle menschliche Bewegung immer ein <i>Wohin</i> hat, einen außer dieser Bewegung liegenden Grund, den sie erreichen will.\n\nWas für eine Geringschätzung des So-Seins liegt doch in diesen Gedanken: welche Geringschätzung des konkreten Geschaffenseins als spezifischer, individueller, ganz konkreter Mensch, als leiblich-seelischer Ganzheit, als Angehöriger eines Volkes, einer Ahnenreihe, als auf ganz besondere Weise zubereiteter, unverwechselbarer Entwurf Gottes. Wir sind nach dieser Lehre stets unfertig, immer unterwegs, als Kollektiv die Jahrtausende hindurch auf der Reise, auf ein nebulöses, unbestimmt bleibendes Ziel hin. Der Blick wird auf die Horizontale gelenkt, es geht weiter und immer nur weiter. \n\nDie Vertikale aber ist bereits da - hier und jetzt. Gott ist gegenwärtig und ruft nach Dir in diesem Moment. Er ist für alle sichtbar geworden in Jesus Christus. Indem Maria Ihn in diese Welt brachte, hat sie <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=5Ufqz-19D5k\">alle Irrlehren auf der ganzen Welt zunichte gemacht</a>. In der Beziehung zu Ihm können wir beglückt feststellen, daß wir das Absolute schon hier und jetzt gefunden haben!\n\nVon dieser Lage des einzelnen her kann auch das Menschheitliche verstanden werden: auch dort geht es um die Vertikale, den unmittelbaren Bezug zu Gott. Dieser kann zu allen Zeiten und in allen geschichtlichen Epochen gesucht werden. Das Bild ist nicht ein stetiges Fortschreiten, sondern richtiger ein <i>Umkreisen der Mitte</i>. Das Ziel leuchtet nicht in einer fernen Zukunft auf, sondern - aus der Transzendenz her - an jedem Ort und zu jeder Zeit. \n\nSchon die alten Philosophen sahen einen Kreislauf der Gesellschaftsformen, in denen immer wieder verschiedene Arten von Herrschaft aufblühen, in Dekadenz geraten und durch andere abgelöst werden. Das scheint mir korrekt beschrieben: wir können den Himmel auf Erden nicht errichten, denn unser Erkennen des Wahren und unser Wollen des Guten sind unvollkommen - diese Gaben sind durch den Sündenfall getrübt und geschwächt. Unter den <i>Folgen</i> der Erbsünde leiden wir selbst dann noch, wenn sie in ihrer Wurzel durch die Taufe bereits geistlich von uns genommen wurde. Wie wir als einzelne immer wieder hinfallen, uns an Gott wenden und mit Seiner Hilfe wieder aufstehen, so ist es auch im gemeinschaftlichen Leben das Beste, was wir tun können: uns immer wieder an Ihn zu wenden, unsere Angelegenheiten von Ihm ausgehen zu lassen und durch Ihn in die Vollendung zu befehlen, wie es das Gebet <i>actiones nostras</i> so schön ausdrückt: \n\n<blockquote>Actiones nostras, quaesumus, Domine, aspirando praeveni et adiuvando prosequere: ut cuncta nostra operatio a te semper incipiat et per te coepta finiatur. Per Christum Dominum nostrum. Amen</blockquote>\n\n<blockquote>Herr, unser Gott, komm unserem Beten und Arbeiten mit Deiner Gnade zuvor und begleite es, damit alles, was wir beginnen, bei Dir seinen Anfang nehme und durch Dich vollendet werde. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen</blockquote>\n\nDamit wäre mein Text <i>fast</i> fertig. Fast, denn auch Seraphim Rose muß noch sein Fett wegbekommen: woher nimmt er denn die Sicherheit, daß mit der russischen Revolution <i>alles anders</i> ist als vorher? So wie man <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Nach_Auschwitz_ein_Gedicht_zu_schreiben,_ist_barbarisch\">nach Auschwitz durchaus noch Gedichte schreiben kann</a>, hat sich auch die menschheitliche metaphysische Verfaßtheit nicht grundlegend durch den Zusammenbruch des Zarenreiches geändert. Was vorher möglich war, bleibt auch nachher möglich. Unsere menschliche Natur ist dieselbe geblieben, mit all ihren Anlagen - zu Höchstem wie auch zu Schändlichstem, zu Heldentum und zum Verbrechen. So wird es bleiben bis zum Jüngsten Tag. Ja, <i>Anzeichen für das Ende</i> gibt es seit bald zweitausend Jahren - einfach deshalb, weil wir seit der Himmelfahrt Christi tatsächlich in der Endzeit leben. Wir wissen: <i>Tausend Jahre sind vor Dir / wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.</i> (Ps. 90/89v. 4). Andererseits sind wir ermahnt: <i>Seid wachsam, denn ihr wißt nicht, zu welcher Stunde euer Herr kommen wird</i> (Mt 24,42)."},{"id":"gelegenheiten-zur-umkehr","title":"Gelegenheiten zur Umkehr","timestamp":"20200411154701","content":"Hier will ich einmal über tiefere Ebenen der Wirklichkeit als die sinnenfällige sprechen - und nicht nur in abstrakten Möglichkeitsformen (worauf sich etwa die Philosophen beschränken, wenn sie nicht einfach darüber schweigen). \n\nIch habe mich immer schon denen zugehörig gefühlt, die von den Philosophen als \"naive Realisten\" belächelt werden: da draußen ist eine <i>wirkliche</i> Welt, deren Wirklichkeit sich mir mit meinen Sinnen und meinem Denken erschließt, und an der ich selbst Anteil habe. Gott - als Urgrund allen Seins - ist gewissermaßen die letzte, tiefste Wirklichkeit, das Fundament, auf dem die Erkenntnis aller Dinge als <i>wirklich</i> im tiefsten Grunde ruht. Ich verneine an diesem Punkt nichts, schiebe meinem Erkennen nicht willkürlich irgendwelche Riegel vor, sondern bejahe nur, was ich als wahr und wirklich vorfinde. Indem ich in diesem Bejahen immer weitergehe und weitergreife, mündet all dieses Bejahende schließlich in einem letzten und tiefsten Ja.\n\nDas Materielle und Sinnliche ist in dieser Bewegung nur ein Anfang - wirklich zwar, aber es enthält den Grund der Wirklichkeit nicht in sich selbst. Und unser eigenes Sein ist nicht rein stofflich, sondern ebenso leben wir in nicht stofflichen Reichen: durch unsere Gedanken, unsere Gefühle, ja schon durch die lebendige Kraft, die einen lebenden Menschen zusammenhält und von einem Leichnam unterscheidet, ragen wir über die Gesetze des rein Materiellen hinaus.\n\nDie uns umgebende sinnlich sichtbare Welt in ihrem gegenwärtigen Zustand ist nicht nur <a href=\"http://ruediger-plantiko.net/microblog/ist-die-welt-ein-netzwerk-von-vorgaengen\">kein in sich selbst abgeschlossenes Netzwerk von Vorgängen</a>, sondern im wesentlichen <a href=\"https://bibeltext.com/ephesians/6-12.htm\">eine große Kulisse für den Kampf geistiger Mächte</a>. \n\nWas wir sehen und was sich ereignet, vor allem in unserer menschlichen Geschichte, ist nicht nur keine kausal ablaufende Kette von Vorgängen eines in sich geschlossenen Systems &ndash; vielmehr ist es die Folge der freien Willensentscheidungen vieler einzelner. Jeder einzelne knüpft durch seine Handlungen und Worte, und sogar schon durch seine Gedanken Bande mit Dingen, die sich in dieser Welt ereignen. Teilweise sind es direkte, sichtbare Wirkungen - teilweise sind es unsichtbare Bande. Es ragt Geistiges hinein in diese Welt durch unser Denken und unseren Willen. \n\nWenn ich denke, denke ich nie für mich allein, bin ich nie in mich selbst eingekapselt. Es ist immer Gott gegenwärtig &ndash; nicht nur, weil Er die Wahrheit ist, vor dem all mein Denken steht, sondern auch weil Er immer bereit ist, den Denkenden in der inneren Zwiesprache immer tiefer in Seine Geheimnisse einzuweihen. \n\nDer Gedanke ist seiner Natur nach übergreifend, übersteigt meine Person und strahlt aus in einen geistigen Raum, den ich mit allen anderen Menschen teile. Den Gedanken erschaffe ich auch nicht zwingend selbst, sondern ich kann ihn aus diesem geistigen Raum heraus ergreifen und ihn mir zueigen machen. Dadurch daß ich dies tue, kann ich ihn verstärken, wodurch es wahrscheinlicher wird, daß auch andere ihn denkend zu Gast nehmen. \n\nWenn aber Menschen Gedanken mit ihrem Erkenntnisvermögen nur prüfen und sich aneignen oder auch ablehnen &ndash; woher kommt dann der Gedanke? Gewiß, Menschen können ihm Kraft geben, ihn gleichsam aufladen und stärker machen, so daß auch andere ihn denken. So entstehen Denkströmungen und der sogenannte \"Zeitgeist\". Aber der Ursprung des Gedankens ist woanders: eingehaucht, in-spiriert wird uns vieles von dem, was wir denken, durch nichtkörperliche Wesenheiten. Das können Gedanken mit verheerender Wirkung sein (\"keineswegs werdet ihr sterben, sondern ihr werdet sein wie Gott und erkennen, was gut und böse ist\") &ndash; aber auch Gedanken, die uns zum Erkennen der Wahrheit und zum Tun des Guten führen. Unserer Natur gemäß sind wir leider dem bösen Gedanken eher zugeneigt und nur zu gern bereit, verlockenden, aber verlogenen Säuselworten unser Ohr zu schenken, weil wir den \"Ohrenkitzel\" so lieben. Das bringt uns auf eine abschüssige Bahn:\n\n<blockquote>Denn es wird eine Zeit kommen, da sie [die Menschen] die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach eigenen Gelüsten sich Lehrer zusammensuchen, weil sie nach Ohrenkitzel verlangen. Von der Wahrheit werden sie das Ohr abwenden und den Fabeleien sich zuwenden. (2. Tim. 4,3-4)</blockquote>\n\nEs spielt also eine Rolle, <i>was</i> wir denken - welchen Inspirationen wir unser Ohr schenken, welche Gedanken wir in uns festhalten und stärken: auf geheimnisvolle Weise wird dies in der Welt wirksam. Wenn Trappistenmönche in klösterlicher Abgeschiedenheit leben und keine andere Worte als Gebete mehr von ihren Lippen kommen, so ist ihre Anwesenheit in dieser Welt, auf die sie dem äußeren Augenschein nach ja keinen Einfluß haben, doch nicht unwesentlich. Es werden unsichtbare Kraftströme als moralische Aufrichtekräfte wirksam, denn Gott sagt uns zu, unsere Gebete zu erhören. Würden all diese Orte der Frömmigkeit auf der Welt fehlen &ndash; die Menschen würden brutaler und wilder werden. \n\nLeider gibt es solche unsichtbaren Wirkungen auch in der Gegenrichtung - jede Abkehr von Gott, jede Verfluchung, Verspottung und Verwünschung Gottes, aller Haß und alle Begierden, alles Sich-Einschließen ins rein Innerweltliche, alle Absonderung von Gott - kurz: alle <i>Sünde</i> zeitigt ebenfalls Wirkungen. Ist es zu kühn gedacht, auch alle Übel in der Welt als Folge unserer Sünden zu verstehen?\n\nDas Leiden, Unglück, alle Krankheit und alles Elend kommt nicht von Gott - war nicht Teil von Seinem Schöpfungsplan. Die Dinge sind nicht mehr so, wie Er sie einst geschaffen hat, \"ein jegliches nach seiner Art\" (Gen. 1,24). Es ist nur Sein zulassender Wille, daß Seine Schöpfung so schmerzhaft getrübt und verdunkelt wird. Er läßt all dieses zu um eines höheren Gutes willen. \n\nWenn es aber nicht von Gott kommt, kommt es von den Geschöpfen, die Er aus Seiner Allmacht und Allgüte herausgesetzt hat, denen Er einen freien Willen geschenkt hat, damit sie Gottes Ebenbild und Gleichnis seien. \n\nDie <i>übernatürliche Kausalität</i>, nach der unsere Gebete und Segnungen ebenso wie unsere Flüche Wirkungen haben, selbst wenn wir sie in vermeintlicher Einsamkeit sprechen, ist nicht nur überräumlich, sondern auch überzeitlich. \"Zeit und Raum sind nur Varianten des Nichts\" (Hans Milch), verschatten das Wesentliche. \n\nIm Sinnne dieser übernatürlichen Kausalität enthält auch das Leiden unseres Herrn Jesus Christus in sich zusammengefaßt alle Leiden, die sich je auf Erden ereignet haben, ereignen und je ereignen werden. Im Kirchenlied <a href=\"https://youtu.be/wcTPXo0cL80\">O Haupt voll Blut und Wunden</a> ist dieser Gedanke ausgedrückt:\n\n<blockquote>Nun, was du, Herr, erduldet,<br>\nist alles meine Last;<br>\nich hab es selbst verschuldet,<br>\nwas du getragen hast.<br>\nSchau her, hier steh ich Armer,<br>\nder Zorn verdienet hat.<br>\nGib mir, o mein Erbarmer,<br>\nden Anblick deiner Gnad.</blockquote>\n\nNur so ist überhaupt Sein göttlicher Opfergang nach Golgotha zu verstehen. Nur so wird begreiflich, daß das Lamm Gottes die Sünden der Welt hinweggenomen hat. \n\nObwohl dies also ein sehr zentraler Gedanke ist, sind solche Wirkzusammenhänge eher im Glauben zu erahnen als klar zu begreifen, weil sie außerhalb unserer gewöhnlichen sinnlichen Erfahrung liegen &ndash; wir sehen sie wie in einem trüben Spiegel. \n\nAuch ist es nicht gut, das Augenmerk bei solchen Betrachtungen zu sehr auf die <i>causa efficiens</i>, die Wirkursache zu legen, also auf die Frage: <i>woher kommt das Übel?</i> Viel besser ist es, nach der <i>causa finalis</i> zu fragen: <i>worauf ist das Übel gerichtet?</i> So hatte der Blinde seine Krankheit, nicht weil er oder seine Eltern gesündigt hätten, \"sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbar werden\" (Joh 9,3). Seine Blindheit erschöpft sich also nicht darin, von etwas bewirkt zu sein. Sie hat einen Zweck, eine Richtung, einen Sinn, und <i>darauf</i> kommt es an. Das Übel kann eine reinigende, erzieherische Wirkung haben. Es kann geschehen, um Umkehr zu ermöglichen. Umkehr bedeutet: die egozentrischen oder anthropozentrischen Maßstäbe fortwerfen und sich entscheiden, sein Leben so zu leben, daß Gott das Szepter übernimmt: an einem Menschen, der umkehrt, werden nicht mehr seine eigenen Werke, sondern die Werke Gottes offenbar, denn er gibt Gott Raum für Sein Gnadenwirken. Welcher Wirkursache auch immer man dann sein Übel verdankt &ndash; entscheidend ist dann, daß es Gelegenheit war, das Wachstum der Seele zu Gott hin zu fördern.\n\nTatsächlich kann man einen solchen pädagogischen Charakter des Übels oft feststellen. Not ist ein guter Lehrmeister, um in der Reduktion auf das Wesentliche wieder die Prioritäten richtig zu setzen. Es wird das, was immer nottat und immer nottut, wieder sichtbar. So kann das Leid uns Demut und Bescheidenheit lehren und von den Geschwüren unseres Egoismus und Narzißmus befreien &ndash; von dem aufgeblasenen Stolz auf unsere eigenen Leistungen und  \"wie herrlich weit wir's doch gebracht haben\". Das Übel, so schlimm es ist, ist immer auch eine Gelegenheit, um zur guten Ordnung zurückzukehren, die eine Gesellschaft trägt und erhält. Um das Gute und das Böse wieder einzusetzen &ndash; Maßstäbe, über die wir uns im hochmütigen Dünkel eines sogenannten \"modernen Denkens\" ach so erhaben dünkten. All dies, die klare Ordnung, das Oben und Unten, das Gute und das Böse, war von einem dichten Teppich von geistigem Unkraut überwuchert. Nun wird die Lage bereinigt."},{"id":"schalttage-wenn-der-24-ein-zweiter-23-februar-ist","title":"Schalttage: wenn der 24. ein zweiter 23. Februar ist","timestamp":"20200223122701","content":"In meinem letzten Blogpost hatte ich die <a href=\"http://ruediger-plantiko.blogspot.com/2019/12/ostertermin-und-osterparadoxa.html\">Berechnung des Ostertermins</a> betrachtet. Anlaß für den Blog war eine Irregularität im berechneten Ostertermin (ein sogenanntes \"positives Äquinoktialparádoxon\") im Jahre 2019.\n\nAuch das Schaltjahr 2020 gibt Anlaß zu einer Kalenderbetrachtung. Schaltjahre sind nötig, weil Tag und Jahr nicht in einem ganzzahligen Verhältnis zueinander stehen. Tag und Jahr sind durch die beiden zyklischen Bewegungen der Erde definiert: die Drehung um ihre eigene Achse und der Umlauf um die Sonne. Nun braucht die Erde nicht genau 365 Tage, um einmal die Sonne zu umrunden, sondern etwa einen Vierteltag mehr. Das Verhältnis Jahr:Tag bleibt nicht in alle Ewigkeit konstant, aber über den Zeitraum von einigen Jahrtausenden ist die Zeit von einem Frühlingsanfang bis zum nächsten recht gut durch den Wert von <b>365.2424</b> oder <b>365 <sup>8</sup>&frasl;<sub>33</sub></b> Tagen beschrieben. \n\nUm sicherzustellen, daß die Jahreszeiten nicht durch den Kalender wandern, sondern Frühling, Sommer, Herbst und Winter immer in dieselben Monate fallen, müssen daher zusätzliche Tage in das regulär aus 365 Tagen bestehende Jahr eingeschaltet werden. \n\nDer gregorianische Kalender schaltet hierfür \n<ol>\n<li>alle vier Jahre einen zusätzlichen Tag, \n<li>aber nicht in den durch 100 teilbaren Jahren,\n<li>es sei denn, das Jahr ist sogar durch 400 teilbar.\n</ol>\n\nBeispielsweise war das Jahr 2000 nach der dritten Regel wieder ein Schaltjahr. \n\nWas ist die durchschnittliche Jahreslänge eines gregorianischen Kalenderjahrs? In 100 Jahren haben wir nicht 25, sondern, wegen der zweiten Regel, 24 Schalttage. In 100 mal 100 Jahren haben wir nicht 24 mal 100 Schalttage, sondern, wegen der dritten Regel, 25 zusätzliche Schalttage. Das bedeutet also, daß in 10'000 Jahren 2'425 Schalttage eingeführt wurden. Der Überschuß über 365 Tagen beträgt beim gregorianischen Kalender also genau 0.2425 Tage. Die durchschnittliche Jahreslänge des gregorianischen Kalenderjahrs beträgt <b>365.2425 Tage</b>, was den astronomischen Wert über einige Jahrtausende hinweg sehr gut annähert.\n\nDie Schalttage an sich sind keine Neuerung des gregorianischen Kalenders. Es gab sie auch schon im vorher geltenden julianischen Kalender, wobei aber nur die erste der drei obigen Schaltregeln verwendet wurde. Von der Antike bis zur Einführung des gregorianischen Kalenders im Jahre 1582 war dadurch bereits ein Fehler von zehn Tagen aufgelaufen.\n\nWenig bekannt ist, daß in den Schaltjahren <i>nicht etwa ein 29. Februar eingefügt, sondern der 23. Februar verdoppelt wurde</i> - und dies war auch im julianischen Kalender schon so. Selbst im davor üblichen römischen Kalender war der 23. Februar der Stichtag für die Einfügung eines ganzen Schaltmonats, des sogenannten <a href=\"https://en.wikipedia.org/wiki/Mercedonius\">Mercedonius</a>. Daß wir die Tage nach dem 23. Februar weiterzählen, hat nur praktische Gründe. Eigentlich müßten wir den 23. Februar wiederholen und dann wie sonst bis zum 28. Februar weiterzählen. \n\nIm <i>Commune Sanctorum</i> der Meßbücher nach dem römischen Ritus hat sich das bis heute erhalten. Am 24. Februar beispielsweise gedenken wir des Hl. Apostels Matthias, der, wie die Apostelgeschichte berichtet, nach dem Verrat des Judas dessen Platz unter den Zwölf einnahm. Im Meßbuch steht, daß sein Gedenken in einem Schaltjahr am 25. Februar zu halten ist. Das ist nur unter der Annahme sinnvoll, daß nach dem 23. Februar \"eigentlich\" ein unbenannter Schalttag (oder gleichsam ein verdoppelter 23. Februar) zu denken ist. \n\n<p><img src=\"matthias.jpg\" style=\"width:100%\">\n<p>"},{"id":"adornos-faschismus-skala-revisited","title":"Adornos Faschismus-Skala revisited","timestamp":"20200111224809","content":"Der von Psychologen verschämt <a href=\"https://www.teachsam.de/psy/psy_pers/psy_aut_pers/psy_aut_pers_2.htm\">F-Skala</a> genannte Persönlichkeitstest (wo sie mit F \"Faschismus\" meinen) mißt neun Denkmuster, denen <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=F5aMcHCPglQ\">Theodor W. Adorno</a> in seinen <a href=\"https://de.wikipedia.org/wiki/Autorit%C3%A4re_Pers%C3%B6nlichkeit\">Studien zum autoritären Charakter</a>, vor allem bei Personen, bei denen sie massiv auftreten, und bei Völkern, in denen sie verbreitet sind, eine den Faschismus vorbereitende Kraft zusprach. \n\nHier eine Skizze dieser neun Denkmuster, die laut Adorno den Faschismus begünstigen:\n\n<img src=\"f-scala.png\">\n\nNach Art eines \"Brigitte\"-Typtests, in dem man ein paar Fragen beantwortet und dann nachlesen kann, was für ein Mensch man ist, wird hier die Zustimmung zu bestimmten Fragen mit einer besonderen Affinität zum Faschismus verknüpft. Diese einfache Form der Darstellung hat für eine weite Verbreitung der politischen Aussagen Adornos gesorgt. \n\nIn der Nachkriegszeit sah man den Faschismus oft als das absolut Böse an, von dem es sich unter allen Umständen und so weit wie möglich abzugrenzen galt. Je mehr Gedichte aber nach Auschwitz geschrieben wurden, je mehr der Faschismus in einer relativierenden geschichtlichen Rückschau gesehen wird, <a href=\"https://drive.google.com/file/d/1YXZCYGxrJQczsOanKrAVT6GtYGkoLrcv/view?usp=sharing\">die ihn als ein historisches Phänomen neben vielen anderen untersucht und in die Zeitläufe einordnet</a>, verliert auch dieser F-Test seine propagandistische Bedeutung.\n\nMittlerweile ist es möglich, diesen Test gleichsam zu reinigen, seine Merkmale unbefangen zu betrachten, den falschen Spin, das Stereotypische aus Adornos Porträt zu entfernen, und diese Art von Persönlichkeit als positiven, notwendigen, tragenden Typus für <i>jede</i> Gesellschaft zu erkennen, ganz egal wie diese verfaßt ist. \n\nDie Bekämpfung dieser Ansichten und Impulse &ndash; im Namen einer maximalen Abstoßung vom Faschismus &ndash; hat folglich die Wirkung, eine Gesellschaft zu entkernen, letztlich alle Stabilität und Ordnung aus ihr zu entfernen. Aus Sicht der <i>Frankfurter Schule</i> ist dies durchaus eine erwünschte, vielleicht sogar angestrebte Wirkung, denn diese Soziologen hingen der <i>ordo ab Chao</i>-Theorie an, wonach eine Zerstörung der bestehenden \"falschen\" Gesellschaft auch das falsche Leben zerstöre und aus ihren Trümmern dann die gute, die richtige, die moderne, durch und durch menschenwürdige Gesellschaft entstehe.\n\nGehen wir den Denkmustern einmal einzeln nach, entfernen ihre bewußte Deformation und rekonstruieren sie als <i>gute</i>, der Gesellschaft als ganzer dienliches Programm (alle Zitate aus obigem Link zur F-Skala):\n<ol>\n<li>Unter <b>Konventionalismus</b> versteht Adorno die \"starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstands\". \n\nDen Spin geben hier vor allem die beiden Attribute \"starr\" und \"des Mittelstands\". Läßt man sie weg, erscheint die beschriebene Haltung nicht mehr als etwas Negatives. \n\nWieso \"des Mittelstands\"? Es ist ein marxistischer Reflex, alle erdenklichen Meinungen, Urteile, Erkenntnisse ökonomisch einzuordnen. Der Mittelstand ist die Gruppe, die der Marxismus besonders für sich gewinnen will: denn die Arbeiter sind - aus Sicht des Marxismus - aufgrund ihrer ökonomischen Situation sowieso auf seiner Seite, und das Großkapital ist sein natürlicher Gegner. Nur der Mittelstand ist schwankend, mißtrauisch gegenüber Umwälzungen, fragt: \"Was habe ich davon?\", sieht sich aber andererseits vom Großkapital in seiner Existenz bedroht, weshalb er durchaus eine gewisse Sympathie für die Sache der Kommunisten verspürt &ndash; zumindest die Bereitschaft, ihnen einmal zuzuhören und abzuwägen, ob bei ihren Plänen etwas für ihn herausspringt. \n\nIn Wahrheit hat zwar jeder Stand konventionelle = althergebrachte Werte, aber viele dieser Werte teilen die Menschen über alle Stände hinweg &ndash; die winzige Schicht der heimatlosen Superreichen einmal ausgenommen. Es gibt ein natürliches Bedürfnis nach Gemeinschaft in den Menschen. Sie fühlen sich als Gemeinschaft, mit der sie ein Schicksal teilen. Dieses säuberlich-kleinmeisterliche Auseinanderdividieren der Gesellschaft nach \"Klassenstandpunkten\" operiert mit Motiven, die es natürlich auch gibt, die aber diesem Allgemeinen untergeordnet sind.   \n\nDie Vorlage dessen, was Adorno als \"starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes\" verzerrt darstellt, ist also in Wahrheit <b>die Treue jedes einzelnen zu dem, was ihn mit seiner Gemeinschaft verbindet</b>. Althergebrachte Regeln und Abläufe, das in Jahrhunderten eingespielt Funktionierende, wird als tragendes Element der Gesellschaft erkannt, und der einzelne sieht sich in der Verantwortung, die eingespielten Vorgänge im Großen und Ganzen zu reproduzieren. \n\nDie \"Starrheit\" ist bereits die Deformation dieser Treue. Man sollte ein Ding aber nicht aus seiner Deformation, sondern aus seinem Wesen heraus darstellen. Es gibt nicht nur ein starres, sondern auch ein gutes Festhalten an Überliefertem, das nämlich Veränderungen in Maßen dort zugesteht, wo die bisherigen Abläufe im einzelnen eben noch verbesserungsbedürftig sind.  \n\nAls Beispiel für den Konventionalismus bringt Adorno den Satz <i>\"Gehorsam und Respekt gegenüber der Autorität sind die wichtigsten Tugenden, die Kinder lernen sollen.\"</i> Auch dieser Satz ist durch die Qualifikation \"<i>die wichtigsten</i>\" bewußt verzerrt. Gegen den Satz <i>\"Gehorsam und Respekt gegenüber der Autorität sind Tugenden, die Kinder lernen sollen\"</i> hatte zu Adornos Zeit niemand etwas einzuwenden, er war vielmehr noch Konsens, und selbst heute gibt es noch ein paar Unverdorbene, die ihn gut und richtig finden. Zum Wesen der hier angesprochenen <i>Autorität</i> komme ich noch.  \n\n<li> <b>Autoritäre Unterwürfigkeit</b>, definiert als <i>unkritische Unterwerfung unter idealisierte Autoritäten der Eigengruppe</i>. \n\nHier gilt es zuerst wieder, einige Verzerrungen zu entfernen: \n\n<i>Unterwürfigkeit</i> ist das übertreibende Pejorativ für <i>Gehorsam</i>. Die Unterwürfigkeit ist ein ins Lächerliche gezogene, übertriebener Gehorsam auf Kosten der gesunden Antriebe der eigenen Persönlichkeit (ähnlich z. B. dem Altruismus als Perversion gesunder Nächstenliebe). Der Gehorsam des Kindes gegen seine Eltern, des Soldaten und des Arbeiters gegenüber seinem Vorgesetzten usw. sind gut, notwendig und sogar für das Überleben wichtig - sowohl des einzelnen (sehr offensichtlich beim Kind) als auch der Gruppe.   \n\nMit den Autoritäten, denen man sich unterwirft, stimmt bei Adorno auch etwas nicht: sie werden nämlich von den \"Unterwürfigen\" <i>idealisiert</i>. Wer also möglichst unfaschistisch sein möchte, sollte sich hüten, irgend etwas Positives über seine Autoritäten zu sagen. Er sollte ihnen kein Vertrauen schenken, sondern an ihnen herummäkeln, sie bestenfalls vielleicht \"kritisch würdigen\", er darf sie jederzeit auch gern in den Dreck ziehen. Aber sie zu loben für einen großen Gedanken, einen weisen Entschluß, eine verantwortungsvolle Mission, eine besondere Tugendhaftigkeit usw., ist schon stark F-verdächtig. \n\nMan erkennt schon an dieser Beschreibung, wie naturwidrig das ist: der Mensch ist nun einmal eingespannt zwischen Oben und Unten, er denkt Höheres und Niederes und strebt nach dem Höheren, er hat Maßstäbe, sucht Orientierung, sucht Auf-Richtung. Als Christen wissen wir auch, daß alle irdische Autorität letztlich gottgewollt ist: Christus antwortet Pilatus: \"Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.\" Irdische Autorität ist demnach gottgewollt (selbst die eines heidnischen Volkes, wie im Falle des Pilatus) und auf Gott hingeordnet, der die absolute Autorität über seine gesamte Schöpfung ausübt.  \n\nFerner erkennt man den F-Typ nach Adorno daran, daß er Autoritäten und Vorbilder aus seiner <i>Eigengruppe</i> wählt. Der moderne Mensch setzt sich maximal vom Faschismus ab, indem er sich nur Personen aus anderen Gruppen zum Vorbild wählt. Ein Sinnspruch vom Dalai Lama oder Gandhi ist unanfechtbar. Nach eigener Ansicht handelt er darin nicht diskriminierend gegen die Eigengruppe, sondern sieht in der Bevorzugung des Fremden nur einen Akt ausgleichender Ungerechtigkeit - letztlich ist auch dies ein Teil seines antifaschistischen Kampfes. Im Grunde meint er, die eigene Gruppe nicht höher, aber auch nicht niedriger einzuschätzen als irgendeine andere Gruppe auf der Welt. Er ist Kosmopolit, er sieht keine Gruppen, sondern nur Menschen und <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=1XBEqyu5Mck\">liebt sie doch alle</a>. Liebt er aber auch jede Mutter wie seine Mutter, jede Frau wie seine Frau? Es gibt Nähe und Ferne in der Liebe (theologisch gesprochen ist es eine Folge des Sündenfalls, daß wir nicht in der Lage sind, <i>jeden</i> Menschen zu lieben - daher sind uns die in unsere Nähe gegeben, an denen wir unsere Liebe üben sollen, um dem ähnlich zu werden, der jeden einzelnen Menschen ganz unmittelbar und wesenhaft liebt). \n\nUnd schließlich, aber wichtig, ist die \"Unterwerfung\" auch noch \"unkritisch\". Nur einer Autorität beugt sich der freie Geist, die er mit seinem kritischen Verstand geprüft und für gut befunden hat. \n\nAdorno nennt als typischen Beispielsatz für das Merkmal <i>autoritäre Unterwürfigkeit</i>: <i>\"Was dieses Land vor allem braucht, mehr als Gesetze und politische Programme, sind ein paar mutige, unermüdliche, selbstlose Führer, denen das Volk vertrauen kann.\"</i> \n\nEs folgt automatisch, nach Reinigung von den allgegenwärtigen Verdrehungen, daß dies ein guter Gedanke ist: tatsächlich kommt es im Vergleich weniger auf die Gesetze, die Staatsform und die Verfassung eines Landes als auf die Personen an, die in einer Gesellschaft de facto die Macht ausüben. Mit der Verantwortung für die Allgemeinheit wächst auch der moralische Anspruch. Wer Herrschaft ausübt, sollte sich vor allem wie Friedrich der Große als \"erster Diener seines Volkes\" fühlen. \n\nAdornos Beispielsatz ist so zugespitzt, daß einem die Massen förmlich entgegenspringen, die den Arm zum Römischen Gruß erheben, um ihrem Führer zu huldigen. Es gibt aber neben dieser pervertierten Form von Herrschaft auch eine gesunde, gute und richtige Herrschaft. Hier spielt das Vertrauen in die konkreten Führungspersonen eine wichtige Rolle (und Führungspersonen gibt es in jeder Staatsform, natürlich auch in der Demokratie). \n\n<li><b>Autoritäre Aggression</b>, von Adorno beschrieben als <i>\"Tendenz, nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte missachten, um sie zu verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können.\"</i> Ein typischer Beispielsatz für autoritäre Aggression sei: <i>\"Sittlichkeitsverbrechen, wie Vergewaltigung und Notzucht an Kindern verdienen mehr als bloße Gefängnisstrafe; solche Verbrecher sollten öffentlich ausgepeitscht und noch härter bestraft werden.\"</i> \n\nMittlerweile sind wir schon geschult im Erkennen der Zuspitzungen: es gibt nicht nur ein \"gezieltes Ausschauhalten\" nach Menschen, die nicht \"konventionelle Werte\", sondern die Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens mißachten, sondern es gibt auch das Wachen über den Bestand und die Einhaltung der gesellschaftlichen Ordnung. Sie kann ja auf Dauer nur bestehen, wenn Regelverletzungen, die nun einmal immer wieder vorkommen, auch geahndet werden. \n\nNun sind Menschen keine Computer, die Regeln rein mechanisch beachten. Um gesellschaftliche Regeln dauerhaft zu erhalten, müssen sie auch emotional verankert sein. Dazu gehört nicht nur die Liebe zum Guten, sondern auch die Abscheu vor dem Bösen. Die Forderung nach Körperstrafen &ndash; bis hin zur äußersten, der Todesstrafe &ndash; ist in der Regel nicht Ausdruck einer sadistischen Perversion, sondern der Abscheu vor der bösen Tat und das Entsetzen über den vom Täter angerichteten Schaden.\n\nManche sagen, alleiniger Zweck der Strafe sei es, zukünftige ähnliche Taten zu verhindern (z.B. Wiederholungstaten des selben Täters, die er nicht ausüben kann, weil ihm in der Haft ja die Bewegungsfreiheit genommen ist). Das ist aber zu wenig. Strafe muß mindestens den Gedanken der Wiederherstellung oder \"Vergeltung\" enthalten. Der Täter hat das verletzt, was Konsens unter allen Mitgliedern ist, er hat durch seine Tat das allgemeine Wertesystem, auf das alle bauen, zu einem gewissen Teil sabotiert.  Dieses muss wiederhergestellt werden. Ein Dieb z.B. muss mindestens die gestohlene Beute zurückgeben - das allein, also die blosse Wiedergutmachung, wäre aber noch keine gerechte Strafe, es muss z.B. noch eine Geldstrafe hinzukommen. Abgesehen davon ist die Wiedergutmachung oft gar nicht möglich, wie z.B. bei Mord. Vergeltung ist mehr als nur die blosse Wiedergutmachung. Sie ist die reactio auf die actio, den bewussten Angriff auf den Kodex, auf dessen Einhaltung alle Gesellschaftsmitglieder vertrauen. Natürlich muss Vergeltung verhältnismässig sein. Aber sinnvoll ist sie.\n\n<li><b>Anti-Intrazeption</b>, laut Adorno die <i>\"Abwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen.\"</i> Ein typischer anti-intrazeptiver Beispielsatz sei: <i>\"Der Geschäftsmann und der Fabrikant sind viel wichtiger für die Gesellschaft als der Künstler und der Professor.\"</i>\n\nUm zu verstehen, warum dieses Merkmal es auf die F-Skala schaffte, muß man die \"Abwehr des Subjektiven\" ins Positive wenden: Adorno schwächt damit die natürliche <i>Anerkennung des Objektiven</i>, die Anerkennung von Wirklichkeit überhaupt. Denn die Wirklichkeit hat ja einen gewaltsamen Faktor: sie zwingt den Menschen, sie anzuerkennen, sonst straft sie ihn &ndash; im schlimmsten Fall mit dem Tode. Diese \"objektive Wirklichkeit\" hindert mich mit brutaler Gewalt daran, gewisse Möglichkeiten auszuleben, die ich subjektiv für schön halte, sie hindert mich daran, meine individuellen Empfindungen frei auszuleben. Das macht sie dem Faschismus verwandt. Hohe Werte auf der F-Skala bekommt, wer auf den \"ehernen, ewigen Gesetzen\" der Natur beharrt, die man zu seinem eigenen Besten anzuerkennen habe.\n\nMan muß nicht selbst \"Geschäftsmann oder Fabrikant\" sein, um anzuerkennen, daß Geschäftsleute und Fabrikanten einen hohen Sinn für die Wirklichkeit haben. Gute Künstler können das in der Wirklichkeit Schlummernde, das Zielhafte, das Noch-nicht-Wirkliche herausarbeiten. An guter Kunst wird sicher niemand etwas auszusetzen haben, sei er nun Faschist oder nicht. Der Künstler ist hier aufgeführt, weil er im Gegensatz zum nüchternen Geschäftsmann das Subjektive repräsentieren soll. \n\nWarum aber dann der Professor in dieser Reihung? Ist nicht auch der Akademiker der objektiven Wirklichkeit verpflichtet? In der <a href=\"https://blog.endokrinologie.net/spondeo-ac-polliceor-2998/\">österreichischen Promotionsordnung</a>\n muß der Doktorand feierlich geloben, <i>nach <b>Wahrheit</b> zu streben und wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zu unterdrücken oder zu verfälschen</i>. Dieser mit Sicherheit aus alten Zeiten stammende Brauch betont also, daß die Akademiker von der Gesellschaft das Mandat bekommen haben, gründlich nach der Wahrheit zu forschen, also die <i>Übereinstimmung von Verstand und Sache</i> (Wahrheitsdefinition von Thomas von Aquin) anzustreben. Die Nüchternheit und \"Erdung\", die Unterdrückung des rein Subjektiven zugunsten einer möglichst klaren Erkenntnis der Wirklichkeit, gehört demnach zu ihrem Tätigkeitsprofil.\n\nIn dem Maße, in dem Akademiker ihrer Aufgabe, das Wahre zu erkennen, untreu werden und stattdessen ihr Amt und ihren Einfluß nutzen, um eine Agenda der Umgestaltung der Gesellschaft zu fördern, wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung über diesen Amtsmißbrauch. Umgekehrt sehen Ideologen wie die der <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=F5aMcHCPglQ\">Frankfurter Schule</a>, die seit den 1920er Jahren den Wissenschaftsbetrieb unterwandert haben, natürlich ihre Aufgabe darin, von ihrer eigentlichen Aufgabe, der Wahrheitsfindung, abzulenken und jeden, der sie daran erinnert, einer protofaschistischen \"Intellektuellenfeindlichkeit\" zu bezichtigen.  \n\n<li><b>Aberglaube und Stereotypie.</b> Mit Aberglaube meint Adorno natürlich <i>jede Form von Glauben</i>, mit Ausnahme des <a href=\"https://books.google.de/books/about/Der_letzte_Aberglaube.html?id=EBSoMQEACAAJ&redir_esc=y\">atheistischen Aberglaubens</a>. Zu den wesentlichen Merkmalen dessen, was Adorno Aberglaube nennt, gehöre der <i>\"Glaube an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals\"</i>. Das kann man wiederum aus der Negation verstehen: wer nämlich das eigene Schicksal oder Wesen nicht für \"mystisch bestimmt\" hält, hält es für ein Zufallsprodukt: der unendliche, sinnlose Reigen der Atome erzeugt alles: Verstand, Seele, Selbstbewußtsein, Geist, Instinkte, Gefühle, die Einbildungen von freiem Willen und Sinn.      \n\nStereotypie erklärt Adorno als <i>\"Disposition, in rigiden Kategorien zu denken.\"</i> Um sich hiervon maximal abzugrenzen, müßte man das Denken in Kategorien grundsätzlich ablehnen. Die ideal antifaschistische Haltung würde überhaupt keine Kategorien im Denken anerkennen. Die Gedanken wogen hin und her wie Seifenblasen, bilden vielleicht auch Begriffe, weil sie nun einmal immer irgendetwas bilden, aber diese Begriffe sind allesamt illusionär.   \n\nEin für das Denkmuster <i>Aberglaube und Stereotypie</i> typischer Ausspruch sei <i>\"Kriege und soziale Unruhen werden wahrscheinlich eines Tages durch ein Erdbeben oder eine Flutkatastrophe beendet werden, welche die Welt vernichtet.\"</i> Hier ist viel Gutes enthalten - darunter die Anerkennung, \n<ul><li>daß wir in einer Gemeinschaft leben, in der sich die Willen der einzelnen kreuzen können und daher immer auch mit zwischenmenschlicher Aggression gerechnet werden muß (Kriege),</li>\n<li>daß es keine ideale Verteilungsgerechtigkeit zur Zufriedenheit aller gibt, daher im Bemühen um größere Gerechtigkeit <i>immer</i> soziale Unruhen möglich sind,</li>\n<li>daß unsere menschlichen Bemühungen ihre Grenzen haben, daß sie immer in ein viel Größeres eingebettet sind und durch schicksalhafte Ereignisse stets durchkreuzt werden können. Das macht den Stolzen einen Strich durch die Rechnung, die alles aus den eigenen Kräften begründen wollen.</li></ul>\n\n<li><b>Machtdenken und \"Kraftmeierei“,</b> von Adorno expliziert als <i>\"Denken in Dimensionen wie Herrschaft – Unterwerfung, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; Überbetonung der konventionalisierten Attribute des Ich; übertriebene Zurschaustellung von Stärke und Robustheit.\"</i>  \n\n<i>Daß</i> es diese Dimensionen von \"Herrschaft - Unterwerfung\" usw. in jeder überlebensfähigen Gesellschaft gibt und geben muß, ist bei einer realistischen Wahrnehmung der menschlichen Natur selbstverständlich. Es gilt das, was bereits oben über die Notwendigkeit von Autorität gesagt wurde. \"Kraftmeierei\" ist wiederum nur die Extremform von einem gesunden Gespür für <i>menschliche Größe</i>. Wenn es nun einmal so sein muß, daß es politische Führung gibt, so kann das allgemeine Interesse nur darin liegen, möglichst qualifiziertes Führungspersonal zu bekommen. Das heißt, man muß darüber nachdenken, was menschliche Größe eigentlich ausmacht, man beschreibt - wie ein Unternehmen in einer Stellenausschreibung - die ideale Besetzung einer solchen politischen Führungsposition, benennt die charakterlichen Eigenschaften und Stärken, die einen Menschen besonders für ein Führungsamt geeignet machen. Daß man dies alles auch übertreiben kann, ist selbstverständlich.\n\nAls typischen, dieses Denkmuster charakterisierenden Satz, nennt Adorno:\n\n<blockquote>\"Weder Schwäche noch Schwierigkeiten können uns zurückhalten, wenn wir genug Willenskraft haben.\"</blockquote>\n\nDieser Satz beschreibt das Potential des menschlichen Willens sehr zutreffend, ist also kein Faschismusmerkmal, sondern eine Tatsachenbeschreibung. Die Verwendung der ersten Person Plural zeigt, was Adorno hier besonders gefährlich findet: es geht ihn um die Mobilisierung des gemeinsamen Willens vieler, nicht so sehr um den Willen und das Potential des einzelnen. Und auch hier: je weiter man sich von diesem Satz abwendet, je weniger gemeinsamen Willen man seiner Gemeinschaft zugesteht, umso mehr wächst das Risiko des Zerfalls. Wo eine Gemeinschaft keinen eigenen Willen hat, finden sich andere, die sie umso besser nach ihrem Willen lenken können.\n\n<li><b>Destruktivität und Zynismus</b> Wenn Adorno dies näher als <i>\"allgemeine Feindseligkeit, Diffamierung des Menschlichen\"</i> beschreibt, wird klar, daß er eigentlich den <i>gesunden, realistischen Blick auf die menschliche Natur</i> im Visier hat. Daß der \"Mensch des Menschen Wolf ist\", wie es heißt, beschreibt ihn zwar nicht vollständig, muß aber trotzdem realistischerweise zugestanden werden. Gesteht man dies nicht mehr zu, verliert man den Blick für das Machbare und verfällt nur zu leicht dem Denken von einer Utopie her. Von einer Utopie her beurteilt, ist es natürlich leicht, die real existierende Gesellschaftsordnung zu kritisieren. Wer den Menschen allzu naiv und optimistisch einschätzt, ist anfällig für eine <i>hypermoralische</i> Kritik, die letztlich destruktiv wirkt, das Bestehende zerstört, ohne etwas Besseres an dessen Stelle zu setzen. \n\nAuch der Beispielsatz <i>\"Es wird immer Kriege und Konflikte geben, die Menschen sind nun einmal so“</i> ist zunächst einmal nur ein induktiver Schluß aus einigen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Mit der zwischenmenschlichen Aggression zu rechnen, ist schlicht ein Gebot der Klugheit. \n\n<li><b>Projektivität</b>, beschrieben als <i>\"Disposition, an wüste und gefährliche Vorgänge in der Welt zu glauben; Projektion unbewusster Triebimpulse auf die Außenwelt.\"</i> Hierin steckt im Umkehrschluß die psychologisierende Annahme, die Furcht vor dem Abgleiten ins Chaos sei nicht realistisch begründet, sondern nur eine Furcht vor dem eigenen Unbewußten, der man sich persönlich, vielleicht therapeutisch zu stellen habe. Dem ist wieder die Erfahrungsweisheit entgegenzuhalten, daß Zivilisation nur ein dünner Firnis ist, ein immer neu gewagtes Hochrisikoprojekt: \"Die zivilisiertesten Völker sind nicht weiter von der Barbarei entfernt als das glänzendste Eisen vom Rost. Die Völker und die Metalle sind nur an der Oberfläche poliert.\" (Antoine de Rivarol)\n\nNicht nur der äußere, auch der innere Feind ist gefährlich. Gerade weil der Wille einer Gruppe eine starke Kraft ist, gilt es immer auf der Hut zu sein, daß sich nicht mafiose Gruppen in den politischen Apparat einnisten, die ein ganz eigenes Interesse und nicht mehr das gemeinsame Gut verfolgen. Aber auch dieser natürliche Selbstschutz ist in den Augen Adornos F-verdächtig. Sein Beispielsatz für dieses Denkmuster ist: <i>\"Die meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.“</i> Daß es solche Verschwörungen sehr leicht geben kann und daß sie eine echte Bedrohung der Gemeinschaft darstellen, rückt dabei in den Hintergrund. Das Stereotyp der <i>Verschwörungstheorie</i> soll eine solche Wachsamkeit in ein lächerliches Licht rücken.\n\n<li><b>Sexualität</b> &ndash; als <i>\"übertriebene Beschäftigung mit sexuellen 'Vorgängen'.\"</i> Wie das gemeint war, zeigt uns ein Blick auf Adornos Interpreten, die '68er, die von einer <i>sexuellen Befreiung</i> schwärmten. Die Sexualität, die zuvor noch geborgen und gehegt in der ehelichen Liebesbeziehung war und deren natürlichen Zweck man noch sah: die Erzeugung von Nachkommenschaft, wurde aus dieser Intimität herausgelöst und ausschließlich dem persönlichen Lustgewinn untergeordnet. Aber dies war keine \"übertriebene Beschäftigung mit Sexualität\", wie es Adorno meinte. Die heutige Omnipräsenz von Pornographie und Prostitution, die Sexualisierung der ganzen Gesellschaft vom zartesten Kindheitsalter an, all dies hatte Adorno keineswegs im Visier.  \n\nSeine Kritik galt denjenigen, die sich gegen solche Bestrebungen verwahrten, die den Zweck der Sexualität im Auge behielten und sie in stabilen Ehebeziehungen behütet wissen wollten. Dazu gehört - wie bei der oben beschriebenen Frage der Bestrafung - die Einhegung, eine gewisse Tabuisierung und Zurückweisung von sexuellem Libertinismus. Für Adorno ist auch dies präfaschistisch, wie er mit diesem Beispielsatz zum neunten \"F\"-Denkmuster erläutert: <i>\"Die sexuellen Ausschweifungen der alten Griechen und Römer waren ein Kinderspiel im Vergleich zu gewissen Vorgängen bei uns, sogar in Kreisen, von denen man es am wenigsten erwarten würde.\"</i>\n\n</ol>\n\nZusammenfassend kann man sagen: die neun von Adorno beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale dienen in ihrem Wesen (nicht im verzerrten Extrem) der Erhaltung einer blühenden Gemeinschaft. Die wesentlichen Werte in den neun Punkten der F-Skala sind:\n<ol>\n<li>Bewährtes respektieren, Traditionen bewahren</li>\n<li>Anerkennung von Autorität und gesellschaftlicher Herrschaft</li>\n<li>Gutes befördern, Böses strafen</li>\n<li>Anerkennung objektiver Wirklichkeit</li>\n<li>Anerkennung von schicksalhaft Vorgegebenem, von Typischem (von Wesenhaftem, von Kategorien, Universalien), Glaube an Gott</li>\n<li>Den gemeinsamen Willen pflegen, die Mächtigkeit gemeinsamer Anstrengung erkennen und hochschätzen</li>\n<li>Vor der menschlichen Schlechtigkeit nicht die Augen verschließen</li>\n<li>Die gemeinsame Ordnung vor äußeren und inneren Feinden bewahren</li>\n<li>Das Leben weitergeben, für Nachkommen sorgen, die Einrichtung von Ehe und Familie pflegen und fördern</li>\n</ol>\n \n\n<img src=\"f1-scala.png\">"},{"id":"die-erschaffene-weisheit","title":"Die erschaffene Weisheit und Maria","timestamp":"20191217222225","content":"Die erste <a href=\"http://www.kathpedia.com/index.php/O-Antiphonen\">O-Antiphon</a> lautet: \n\n<blockquote>O Sapientia, quae ex ore Altissimi prodiisti, attingens a fine usque ad finem, fortiter suaviterque disponens omnia: veni ad docendum nos viam prudentiae. \n\nO Weisheit, die Du aus dem Munde des Allerhöchsten hervorgegangen bist, alles von einem Ende zum andern umfassend, mit Stärke und Milde zugleich alles ordnend: Komm, uns den Weg der Klugheit zu lehren.\n</blockquote>\n\nHans Milch deutete die Bibelstelle aus dem Buch Jesus Sirach, die dieser Antiphon zugrundeliegt, in seiner Predigt <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=kpN2Wd_b4jQ&t=1730s\">“Mutter der schönen Liebe” (vom 20. Mai 1979)</a> und in der <a href=\"https://www.youtube.com/watch?v=v4jL0V9oNws\">Predigt vom 31. Mai 1981 zum Fest Maria Königin</a> aus. \n\nTatsächlich ist die Lesung zum Fest <i>Maria Königin</i> (Jesus Sirach 24:5; 24:7, 24:9-11; 24:30-31):\n\n<blockquote>\nEgo ex ore Altíssimi prodívi, primogénita ante omnem creatúram; ego in altíssimis habitávi, et thronus meus in colúmna nubis. In omni terra steti; et in omni pópulo, et in omni gente primátum hábui, et ómnium excelléntium et humílium corda virtúte calcávi. Qui audit me, non confundétur, et qui operántur in me, non peccábunt; qui elúcidant me, vitam ætérnam habébunt.\n\nIch ging aus dem Mund des Höchsten hervor, die erstgeborene aller Kreaturen. Ich wohnte in den höchsten Höhen, und mein Thron stand auf einer Wolkensäule. Auf der ganzen Erde war ich, in jedem Volk und in jeder Nation hatte ich den höchsten Rang, und die Herzen der Großen und der Niedrigen bezwang ich. Wer auf mich hört, wird nicht zuschanden, und wer sich um mich bemüht, wird nicht sündigen, und die mich aufhellen, werden ewiges Leben haben.  \n</blockquote>  \n\nUnd zum Fest <i>Mariä Unbefleckter Empfängnis</i> bekommen wir zu hören (Spr. 8:22-35):\n<blockquote>\nDóminus possedit me in inítio viárum suárum, ántequam quidquam fáceret a princípio. Ab ætérno ordináta sum, et ex antíquis, ántequam terra fíeret. Nondum erant abýssi, et ego iam concépta eram: necdum fontes aquárum erúperant: necdum montes gravi mole constíterant: ante colles ego parturiébar: adhuc terram non fécerat et flúmina et cárdines orbis terræ. Quando præparábat coelos, áderam: quando certa lege et gyro vallábat abýssos: quando æthera firmábat sursum et librábat fontes aquárum: quando circúmdabat mari términum suum et legem ponébat aquis, ne transírent fines suos: quando appendébat fundaménta terræ. Cum eo eram cuncta compónens: et delectábar per síngulos dies, ludens coram eo omni témpore: ludens in orbe terrárum: et delíciæ meæ esse cum filiis hóminum. Nunc ergo, filii, audíte me: Beáti, qui custódiunt vias meas. Audíte disciplínam, et estóte sapiéntes, et nolíte abiícere eam. Beátus homo, qui audit me et qui vígilat ad fores meas cotídie, et obsérvat ad postes óstii mei. Qui me invénerit, invéniet vitam et háuriet salútem a Dómino.\n\nMich schuf [oder: erwarb] der Herr als Erstling seines Wirkens vor seinen Werken in der grauen Urzeit. In fernster Zeit bin ich gebildet worden, im Anfang vor dem Anbeginn der Erde. Als noch kein Weltmeer war, bin ich geboren; als es nicht Quellen gab, an Wassern reich. Bevor die Berge tief verankert wurden, und vor den Hügeln ward ich schon geboren. Als er noch nicht gemacht die Erde und die Fluren, noch insgesamt die Schollen auf dem Festland, als er den Himmel schuf, war ich zugegen, als er die Wölbung abmaß über Wassertiefen. Als er befestigte die Wolken oben, als er erstarken ließ die Quellen aus der Tiefe, als er dem Meere seine Grenze setzte, die Wasser sein Gebot nicht überschritten, als er der Erde Fundamente legte. Mit ihm fügte ich alles zusammen, und ich war seine Wonne Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf dem Umkreis seiner Erde, und meine Wonne ist es, mit den Menschenkindern zu sein. Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich, und selig, wer auf meine Wege achtet! Vernehmt die Zucht, damit ihr weise werdet, und lehnet meine Mahnung nimmer ab! Ja, selig jeder Mensch, der hört auf mich, um Tag für Tag vor meiner Tür zu wachen und um zu hüten meiner Tore Pfosten! Denn wer mich findet, findet Leben und erntet Wohlgefallen von dem Herrn. \n</blockquote>\n\nDurch die Wahl dieser Lesungen zu den beiden Marienfesten wird eine Beziehung vom Wesen Mariä mit dieser geschaffenen Weisheit angedeutet, die “aus dem Munde des Allerhöchsten hervorging”, bevor irgend etwas anderes geschaffen wurde. Wir wissen, daß das Alte Testament gerade da, wo es besonders geheimnisvoll und dunkel wird, prophetisch auf Wahrheiten hinweist, die im jüdischen, vorchristlichen Geist noch nicht voll erfaßt werden konnten. Jesus wies ja oft darauf hin, daß die Boten Gottes, die vor ihm kamen, nicht gehört wurden, fortgeschickt oder totgeschlagen wurden.\n\nWir können diese Stellen wörtlich auffassen, müssen es nicht allegorisch nehmen. Die Weisheit ist ein Wesen, das zwar selbst geschaffen ist, aber vor allen anderen Dingen geschaffen wurde. Sie war zugegen bei allem, was Er schuf. Sie spielte vor Ihm alle Zeit. Der Mensch kann sich mit ihr verbinden (“sie hören”), zu seinem Nutzen, denn wer sie findet, der findet das Leben, und das Heil von Gott.\n\nZu Recht hat man darauf hingewiesen, daß viele Prädikate dieses Weisheitswesens auch Jesus Christus zugeschrieben werden (\"Ich war mit Ihm\" ist z.B. ähnlich zu \"Und das Wort war mit Gott\", und auch wer auf Christus hört, wird nicht zuschanden usw.), und so gibt es auch viele Theologen, die dieses Wesen mit Christus, dem Logos identifizieren - wobei sie aber die Passagen, die sie als erschaffen bezeichnen, umdeuten müssen: denn daß der Logos ein hoher Geist sei (aber nicht wesenhaft Gott), ist die arianische Häresie. Tatsächlich haben gerade die Arianer die obigen Verse gern benutzt, um ihre Irrlehre vom erschaffenen Logos zu stützen, wie Kardinal Newman in seinem Buch <a href=\"https://books.google.ch/books?id=B5RZQlZwjxcC&dq=newman%20arians%20of%20the%20fourth%20century&hl=de&pg=PA199#v=onepage&q&f=false\">Arians of the Fourth Century (1890)</a> beschreibt. \n\nWir müssen uns vor Augen führen, daß hier zurückgeschaut wird zum Urbeginn der Schöpfung - als der Geist Gottes über den Wassern brütete, wie es in Genesis heißt. Die ganze Schöpfung war - als dieses Weisheitswesen wurde - noch in zartester Morgenröte, im Noch-Nicht, und die Weisheit war noch versunken in den Blick hinauf zu ihrem Schöpfer, den sie rein und klar spiegelte, an dem sie sich erfreute. Natürlich trägt dieses erstgeschaffene Wesen noch die Züge des göttlichen Schöpfers, aus dem sie herausgesetzt wurde. Es ist also gar nicht verwunderlich, daß hier Prädikate verwendet werden, die dem göttlichen Logos zukommen - denn die Weisheit <i>spiegelt</i> den göttliche Logos, sie ist aber nicht mit Ihm gleichzusetzen.\n\nWir können dieses Weisheits-Wesen wesenhaft verbunden sehen mit Maria: \"mir geschehe nach Deinem Wort\" - das hat nicht nur Maria gesagt, das hätte auch die Weisheit im Urbeginn der Schöpfung sagen können. Die Weisheit zu verstehen, bedeutet sich an der Schönheit der göttlichen Schöpfung zu erfreuen. Die Weisheit ist aber auch schon vom Urbeginn her die Antwort der Schöpfung: “Die Weisheit ist die reine, unverfälschte Antwort, die auf das göttliche Wort hin angemessen und richtig reagiert”, wie es ein anonymer Priester in einem <a href=\"http://www.nachfolgejesu.com/Glaubensbriefe/PdF/1997/01-1997-05.01.1997%20-%20Maria%20ist%20Gottes%20ersterschaffene%20Weisheit.pdf\">Glaubensbrief  (1997)</a> formulierte, und genau darin ist Maria Geist vom Geist der Weisheit. Ihr aus ihren Wesenstiefen geschöpftes Ja, das den Ungehorsam der ersten Eva auslöscht, ist Vorankündigung und Vorbereitung der Erlösungstat Christi. \n\nEs ist noch mehr in dieser Beschreibung. Stellen wir uns ein Kind vor, das voller Vertrauen seiner Mutter zulächelt, und in diesem Lächeln ist alle Lebensbejahung, alle Lebensfreude, alles Wohlgefallen am Sein, in das die Mutter es gesetzt hat, enthalten. Von dieser Art ist das Spiel der Weisheit vor den Füßen des Herrn. Sie, die Erstgeschaffene, hat in einer tiefst zufriedenen, vollkommenen Glückseligkeit ihre Existenz angenommen. Es ist das glückliche “Von Du zu Du” oder “Von Angesicht zu Angesicht” zwischen Gott und der Kreatur in ihrer ganzen, von Gott geschaffenen, reinen, noch durch keinen Engelsturz oder Sündenfall verdorbenen Fülle. Zugleich ist dieses Lächeln ganz Hingabe, sie lächelt in den Gott hinein, aus dem sie hervorging. Wer sie verehrt, betet sie also nicht an, sondern betet den an, auf den sie selbst mit ihrem ganzen Wesen gerichtet ist, den sie selbst in einer totalen Hingabe anbetet. \n\nMaria ist “voll der Gnade”, wie der Engel ihr mitteilt, und darin ist auch das Glück ihrer vollständigen Heiligkeit enthalten. Sie ist die erste Heilige, denn sie wurde nach ihrem irdischen Leben mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen und genießt die Freude der ewigen, beseligenden Schau Gottes. Auch das ist einer der großen Gründe für unsere Marienverehrung, denn in der Erfüllung ihres Lebensweges liegt Hoffnung für jeden einzelnen Menschen.    \n\n<i>Durch Maria zu Jesus</i> - dieses Motiv findet sich z.B. in den <a href=\"https://opusdei.org/de-ch/document/durch-maria-zu-jesus/\">Betrachtungen des Hl. Josefmaria Escrivá (1902-1975)</a>, des Gründers von Opus Dei."}]